Die Bedeutung von Gruppenbehandlung in der Psychotherapie lässt sich gut anhand einer Parabel verstehen, die sich in der Geschichte von "Heidi" (von Johanna Spyri) nachlesen lässt. Dort wird erzählt, wie das wohlhabende und wohlerzogene „gelähmte“ Mädchen Klara zu dem Mädchen Heidi im Sommer in die Hütte des Alm-Öhi in die Berge darf. Ein Diener trägt sie auf einem Stuhl auf den Berg hinauf.
Klara wird auf dem Heuboden einquartiert, auf dem Heidi so viele Jahre geschlafen hat. Wenig begeistert ist der Ziegen-Peter, der Freund von Heidi in den Bergen, der eifersüchtig ist, weil Klara nun Heidis Aufmerksamkeit beansprucht. Das führt dazu, dass er eines Tages Klaras Rollstuhl in die Tiefe rollen lässt, so dass er zerstört wird.
Eines Tages will Heidi Klara mit auf die Alp nehmen, der Alm-Öhi trägt sie hinauf. Auf der Alp lernt Klara wieder das Gehen. Eine große Überraschung gibt es, als Klara’s Vater und Großmutter zu Besuch kommen: Klara kommt ihnen auf eigenen Beinen entgegen.
Welche Bedeutung für die Psychotherapie steckt dahinter? Aus psychotherapeutischer Sicht kann man die Geschichte als Parabel einer Heilung einer psychosomatischen Gehstörung (dissoziative Gangstörung) verstehen. In dieser Geschichte hat sich im Grunde vor allem das „Setting“ von Klara’s Leben verändert, von einem einsamen strengen Dasein mit Einzelunterricht in ihrer Heimatstadt hin zu einem erfrischenden Gruppensetting. Eine Gruppe mit spontanen, „lebendigen“ Menschen, die nicht zu kontrollieren sind in ihren „therapeutischen“ Einfällen und ausgestattet mit viel frischem Wind und der Entwicklungsstufe (hier Kindheit) angemessenen Möglichkeiten und Herausforderungen. Eingebettet in eine bewährte „Lebenskunstvermittlung eines soziotherapeutischen Landlebens“, deren Wirklichkeitskonstruktion in der Gruppentherapie durch den Therapeuten gewährleistet wird. Ein angemessenes soziales Miteinander-Leben-Lernen in einer psychotherapeutischen Gemeinschaft (Gruppentherapie) kann oft die entscheidenden Schritte hin zu möglichen therapeutischen Veränderungen bei allen psychischen und psychosomatischen Störungen - auch bei schwereren Ich-Strukturellen Störung und Persönlichkeitsstörungen - zur Verfügung stellen.